Mein Kollege Yves und ich waren angetreten, um in den Beständen nach all den Puzzleteilen zu graben, die das Gedächtnis des Kunstraums ausmachen. Und wie das so ist, wenn man lange verschlossene Kisten öffnet: Man sucht nach Geschichte und findet sich mitten in einer wunderbar skurrilen Gegenwart wieder.
Zwischen den kühlen Regalen stapelten sich die massiven Archivboxen. Begleitet von der leisen Panik, der Kartonboden könnte nachgeben und 40 Jahre Kulturgeschichte in einem ungeplanten Papierregen über den Boden verstreuen, glich jedes Anheben einem kleinen Wagnis. Hatten wir die Boxen aber erst einmal in den fast immer leeren Lesesaal geschleppt, war der Blick hinein faszinierend: Es wurde schlichtweg alles aufbewahrt. Neben Sitzungsprotokollen und historischen Ausstellungsfotos, stießen wir auf die banalsten Alltagsspuren bis hin zu unwiderstehlich detaillierten Gebrauchsanweisungen.
Mit jedem Jahrgang des Kunstraums, den wir durcharbeiteten, veränderte sich die Handschrift der Dokumentation. Manches Jahrzehnt glänzte in akribischer Ordnung, während andere Jahre Rätsel aufwarfen. Fehlte es damals an Zeit, an Lust oder war manches einfach im Laufe der Jahrzehnte verweht?
Im Zuge des 40-jährigen Jubiläums und der neuen Website, bestand unsere Aufgabe im Staatsarchiv TG darin, Alles, was von Interesse sein könnte, zu sichten und für unsere Recherche zu digitalisieren. Bevor wir die Dokumente fotografieren konnten, steckten wir erst einmal unsere Köpfe durch die kleine Öffnung des Fotozelts, um die nötigen Bedingungen herzustellen. Umgeben vom synthetischen Duft des Plastikzelts, wählten wir das Licht, um zuerst einmal unser Gesicht zu scannen – Spaß im Archiv muss sein.
Digitalisierung heißt Umgang mit Technik, das wussten wir schon. Das, „iPhone 17 Pro Max-Debakel“ wie wir es später tauften, glich allerdings einer kleinen Odysse. Weil wir das Gerät dringend benötigten, musste es erst bestellt werden nur um selbstverständlich mit Verspätung einzutreffen. Als es schließlich vor uns lag, ließ sich das Smartphone trotz all unserer Wiederbelebungsversuche schlichtweg nicht einschalten. Bei genauerem Hinsehen stellten wir fest, dass das Teil sichtbar krumm war. Im örtlichen Handyladen bestätigte man uns schließlich das Offensichtliche: Totalschaden. Daran konnte auch das Siegel "Qualität geprüft" nichts ändern. Das Gerät war kaputt und so blieb uns am Ende nichts anderes übrig, als eine ordentliche Extratour auf uns zu nehmen, um schnellstmöglich das Ersatzgerät aufzutreiben, das nicht "qualitativ geprüft" verbogen war.
Schon nach wenigen Tagen war uns klar, der eigentlich wichtigste Gegenstand unseres Arbeitsplatzes war nicht der Fahrstuhl, nicht der Transportwagen für die Archivboxen oder das mobile Fotozelt, sondern: die Kaffeemaschine. Um sie rankten sich ganz eigene Mysterien. Unvergessen bleibt der Tag, an dem sie von einer Sekunde auf die andere spurlos verschwand. Ob man uns das Lebenselixier rauben wollte oder sie schlicht in Reparatur musste, die Zeit ohne sie war schmerzhaft.
Die Mittagspausen verbrachten wir draußen, versorgt mit den unschlagbaren 1,60 Franken-Käsebrötchen von Denner, wahlweise im Park oder an der Kirche vor der Tür, die, wie wir lernten, täuschend alt aussieht, in Wahrheit aber viel jünger ist. Wenn am Nachmittag nach Stunden des Blätterns und Fotografierens doch das große Müdigkeitstief zuschlug, hatte Yves noch ein Ass im Ärmel: Er brachte mir die Choreografie zu einem hartnäckigen Ohrwurm bei. So verließ ich den Ort nicht nur mit Tausenden fotografischen Aufnahmen, sondern auch mit einem neu erlernten Tanz.